Von Typhus bis Corona

Zum Werdegang des Ottweiler Krankenhauses

von Hans Werner Büchel, Ottweiler


Das erste Ottweiler Krankenhaus, das Kreiskrankenhaus Ottweiler,  wurde in Zeiten von immer wieder auftretenden Typhus-Epidemien vor über 100 Jahren gegründet. Das heutige Krankenhaus, die Marienhausklinik Ottweiler, soll in der Zeit einer weltweiten Corona-Pandemie geschlossen werden. "Von Typhus bis Corona" beschreibt die Zeit dazwischen.

Teil 1: Die Zeit des Anfangs

Der Bau der Rhein-Nahe-Eisenbahnstrecke von Neunkirchen bis nach Bingen brachte im 19. Jahrhundert ein Eisenbahn-Lazarett und damit erstmals so etwas wie ein reguläres Krankenhaus nach Ottweiler. Das 1857 im Haus Neuheisel (später die Stelle von „Haus Mathilde“ und „Haus Bliesaue“ in der Lazarettstraße) in Betrieb genommene Lazarett war allerdings ausschließlich den beim Eisenbahnbau verletzten und verunglückten Arbeitskräften vorbehalten, die größtenteils nicht aus Ottweiler stammten. Um die kranken Menschen in unserer Stadt kümmerten sich in erster Linie die hier ansässigen Ärzte. Nach deren Anweisungen oblag die Krankenpflege in der Regel den Familienangehörigen. Wirksame Unterstützung erhielten sie erst gegen Ende des Jahrhunderts von Schwestern der beiden großen christlichen Kirchen. Evangelischerseits kamen Diakonissen vom Rheinischen Diakonissen-Mutterhaus aus Sobernheim bzw. Bad Kreuznach und von katholische Seite Ordensschwestern der Armen Dienstmägde Christi vom Mutterhaus aus Dernbach/Westerwald nach Ottweiler. Die damals von der Einwohnerschaft sehr dankbar angenommenen Dienste dieser Frauen an den Kranken und Pflegebedürftigen unserer Stadt sind vergleichbar mit der heutigen ambulanten Krankenpflege. 

 

Während des Krieges 1870/71 gab es zwei Lazarette in der Stadt. Zuerst in den von Heinrich Schenkelberger zur Verfügung gestellten Räumen seiner Fabrik in der hinteren Bahnhofstraße (später Gelände der Fa. Werle), danach im Knappschaftshaus in der heutigen Goethestraße/Ecke Hombrück. 


Das erste Ottweiler Krankenhaus, aufgenommen im Jahre 1892.

(Foto: Archiv Foto Klotz)


Eisenbahnbau und Krieg waren aber nicht die Anlässe für das erste allgemeine Krankenhaus, das im Jahre 1886 in Ottweiler errichtet und von der Ortskrankenkasse in Zusammenarbeit mit der Stadt Ottweiler im Gebäude des ehemaligen Eisenbahn-Lazaretts betrieben wurde. Es waren immer wieder aufkommende Epidemien, die diesen Schritt notwendig machten. Die von der Bevölkerung Nervenfieber genannte, von Ärzten und Wissenschaftlern als Typhus bezeichnete Krankheit grassierte als Seuche besonders häufig im Südwesten Deutschlands. Innerhalb des heutigen Saarlandes waren in den letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts Malstatt-Burbach, Ottweiler und Hülzweiler zu Schauplätzen größerer Typhus-Epidemien geworden. Als Ursache dieser mit sehr hohem Fieber einhergehenden und unbehandelt leicht zum Tode führenden Krankheit erwiesen sich sehr bald Bakterien der Gattung der Salmonellen und als Übertragungsweg vor allem das damit verunreinigte Trinkwasser. Der Staat begann auf allen Ebenen mit Maßnahmen zur Eindämmung dieser Seuche. Gleichzeitig forschten Wissenschaftler wie Dr. Robert Koch (1843-1910) an den Ursachen von Typhus und suchten nach einer geeigneten Medizin dagegen. Unter seiner Leitung kam es 1890 zur Gründung des „Königlich Preußischen Instituts für Infektionskrankheiten“ in Berlin. Aus dieser Einrichtung ging später das Robert Koch Institut (RKI) hervor. 

Das 1910 eröffnete Kreiskrankenhaus, rechts im Vordergrund eine

der beiden Döcker´schen Baracken.

(Foto: Archiv Foto Klotz)


Da sich im Preußen der Jahrhundertwende die Erkenntnis durchsetzte, dass man Seuchen am besten dort bekämpft, wo sie entstehen, erhielt der Kampf gegen den Typhus auch auf der lokalen Ebene des Landkreises Ottweiler oberste Priorität. Die Anlässe und die sich daraus ergebenden konkreten Maßnahmen bis zu dem Tag, als das Kreiskrankenhaus Ottweiler erstmals seine Pforten öffnete, zeigt die folgende kleine Chronologie: 


  • 1891/92: Große Typhusepidemie in Ottweiler. Das zuvor mit durchschnittlich 5 bis 10 Patienten belegte neue Krankenhaus nahm nun 60 – 80 Kranke zur Pflege auf.
  • 1901: Bildung des Kreisgesundheitsamtes und Einstellung des ersten Kreisarztes. Dr. med. Karl Schmidt führte dieses Amt 34 Jahre lang aus. Seine Hauptaufgabe: Bekämpfung der Typhus-Seuche. Auftretende Typhus-Fälle wurden nun meldepflichtig.

Der erste Kreisarzt Dr. med Karl Schmidt

(Foto: privat)


  • 6. März 1902: Der Kreistag des Kreises Ottweiler beschloss die Anschaffung von zwei „Döcker´schen Baracken“ mit je 12 Betten und den Kauf eines Krankentransportwagens. Direkter Anlass waren erneut auftretende größere Typhus-Epidemien um die Jahrhundertwende.
  • 28. Okt. 1902: Der Erwerb eines knapp einen halben Hektar großen Grundstückes in der Hohlstraße für Krankenhauszwecke wurde vom Kreistag einstimmig beschlossen. Auf dem Gelände sollen eine Baracke sowie ein massives Vorrats- und Wirtschaftsgebäude errichtet werden.
  • 1903 – 1905: Bau der vom Kreistag beschlossenen Gebäude. Die beiden Baracken waren transportabel und konnten somit dort im Kreisgebiet eingesetzt werden, wo sie am dringendsten gebraucht wurden.
  • 1904 – 1909: Anhaltende Typhus-Erkrankungen im Kreis. Mit 196 Fällen bildete das Jahr 1907 den Höhepunkt der Epidemie.
  • 1. Juli 1907: Der Kreistag beschloss die in der Hohlstraße vorhandenen Einrichtungen zu einem ständig betriebenen Krankenhaus auszubauen. Dieser Ausbau wurde 1909 abgeschlossen.
  • 1. Mai 1910: Eröffnung des Kreiskrankenhauses Ottweiler. 

Bereits knapp zwei Jahrzehnte nach der Eröffnung war der Anfangsbau (Bild oben) zu einem modernen Krankenhaus-Standort (Bild unten 1927) ausgebaut worden.

(Fotos: Archiv Foto Klotz) 


Die in der Entstehungsphase des Krankenhauses verantwortlichen Landräte waren Maximilian Freiherr Laur von Münchhofen (1896-1909) und Dr. jur. Carl von Halfern (1909-1916). Als erste Ärzte wirkten die Sanitätsräte Dr. Philippi (Inneres) und Dr. Sell (Chirurgie), unterstützt vom Pflegepersonal, das aus Schwestern des Vaterländischen Frauenvereins vom Roten Kreuz aus dem Mutterhaus in Köln-Lindenthal gebildet wurde.


Oben: Die Landräte Laur von Münchhofen und Carl von Halfern sowie Sanitätsrat Dr. Philippi. Unten: Dr. Carl Sell mit dem Pflegerinnenkurs 1913.

(Fotos: privat)



Teil 2: Die Zeit des Ausbaus

Während der beiden Weltkriege (1914-18 und 1939-45) unterstand das Kreiskrankenhaus Ottweiler als Reservelazarett der jeweiligen militärischen Führung. Einige der hier tätigen Ärzte wurden zum Kriegsdienst eingezogen.


In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, den das Haus ohne größere Schäden überstanden hatte, wurden nur kleinere Veränderungen an der Bausubstanz vorgenommen. Erst 1955 wurde das Krankenhaus durch einen großen Erweiterungsbau und ein neues Schwesternwohnheim (späteres Verwaltungsgebäude) merklich erweitert. Ende der 50er Jahre beschloss der Kreistag umfassende Modernisierungen und Erweiterungen des Kreiskrankenhauses, die sich in mehreren Bauabschnitten bis in die 80er Jahre erstreckten. Dazu gehörte auch das 1968 seiner Bestimmung übergebene neue Schwesternwohnheim mit 60 Wohnungen und einer integrierten Krankenpflegeschule. Ein Jahr später wurde der letzte Teil des Altbaus abgetragen.


Flugbild des Ottweiler Krankenhauses um 1964

(Foto: Foto Germer - Archiv Foto Klotz)


Die einzelnen Bauabschnitte wurden wie folgt fertiggestellt:


  • Erster Bauabschnitt am 24. Januar 1964: Krankengymnastik, Bäderabteilung, Röntgenabteilung, Räume der Inneren Ambulanz, Chirurgische Ambulanz, OP-Abteilung und zwei weitere Stationen mit 40 Betten.
  • Zweiter Bauabschnitt am 2. Januar 1967: Neues Bettenhaus und neu errichtete Gynäkologie. Das Haus verfügte danach über 250 Betten.
  • Dritter Bauabschnitt am 5. Februar 1972: Neuer Personalspeiseraum, Intensivstation der Inneren Medizin mit 11 Betten, Intensivstation der Chirurgie, weitere Patientenzimmer, 2 OP-Säle der Frauenklinik und Ambulanzräume.

Der Personalbestand des Kreiskrankenhauses ergab zu dieser Zeit das folgendes Bild: In den Kliniken waren 4 Chefärzte, 3 Oberärzte, 17 Ärzte, 91 Schwestern und Pfleger und 17 medizinische Fachangestellte tätig. Die Wirtschaftsabteilung umfasste 5 Angestellte und 36 Arbeiterinnen, das Hauspersonal bestand aus 33 Beschäftigten und in der Verwaltung arbeiteten 16 Angestellte. In der hauseigenen Kranken-pflegeschule wurden 43 Krankenpflegeschülerinnen ausgebildet.


  • Vierter Bauabschnitt am 25. Oktober 1982: Neuer moderner Bettentrakt, im Untergeschoss eine Betten-Zentrale, die Krankenhauskapelle und das ärztliche Archiv.
  • Fünfter Bauabschnitt am 1. Dezember 1984: Zentrallager und Büro für Einkauf, Liegendaufnahme und Chirurgische Ambulanz, Innere Ambulanz und Labor, Infektionsstation mit 22 Betten.


Luftaufnahme des Krankenhauses während des 4. Bauabschnitts

(Foto: Archiv Foto Klotz)


Damit war der Ausbau des Ottweiler Krankenhauses weitgehend abgeschlossen. Alle Maßnahmen der folgenden Jahre waren im Wesentlichen Modernisierungen oder Sanierungen, von denen die Erneuerung des OP-Traktes mit Intensivstation und Aufwachraum die größte Investition darstellte.



Die Lagepläne des Geländes in der Hohlstraße zeigen den jeweiligen Ausbaustand des Ottweiler Krankenhauses

(Karten: H. W. Büchel)


Durch die Anschaffung von hochwertigen Geräten der medizinischen Diagnostik, wie z. B. einem Computertomo-graphen oder dem hochmodernen Herzkathederlabor komplettierte die Klinik ihre Angebotspalette. Dadurch wurde die genaue Erkennung von Krankheiten durch die Ärzte der verschiedenen Fachabteilungen gewährleistet. Dies ermöglichte eine zielorientierte Therapie der anvertrauten Patienten bis zur Entlassungsreife. Dafür standen zunächst eine Innere Abteilung und eine chirurgische Abteilung zur Verfügung. Die zur Allgemeinen Chirurgie gehörende Frauenheilkunde wurde 1967 als eigenständige geburtshilfliche-gynäkologische Hauptfachabteilung eingerichtet. Hinzu kamen ab 1971 die Abteilung für Anästhesiologie und schließlich noch die 1989 eröffnete Hauptfachabteilung Orthopädie. Im Jahre 1972 wurde ein am Krankenhaus stationiertes Notarztwagensystem zur Verfügung gestellt. Es war das erste Rettungsfahrzeug im Saarland, das in voller Besatzung (Notärzte mit Rettungsassistenten bzw. -sanitätern des Deutschen Roten Kreuzes) rund um die Uhr und an Sonn- und Feiertagen seinen Dienst aufgenommen hatte.


Die Gesamtanlage der Marienhausklinik Ottweiler in heutiger Zeit

(Foto: Rolf Ruppenthal, Wadgassen)


Eine große Zahl an hochqualifizierten Ärzten und Pflegekräften kümmerte sich über Jahrzehnte hinweg um das medizinische Wohl der Menschen, unterstützt von einem gut ausgebildeten medizinischen Fach- und Funktionspersonal. Um das ebenso wichtige seelische Wohl sorgte sich die ökumenische Krankenhausseelsorge der beiden christlichen Kirchen in Ottweiler mit einer eigens dafür eingerichteten Krankenhauskapelle. Zusätzliche Begleitung und Unterstützung erfuhren die Patienten durch den ehrenamtlichen Dienst der Grünen Damen und Herren. Und zeitgleich mit der Einführung des Krankenhaussozialdienstes wurde 1987 auch das Ehrenamt des Patientenfürsprechers geschaffen. Eine größtmögliche Fürsorge für die Menschen in der besonderen Situation ihres Krankenhausaufenthaltes war damit sichergestellt.



Teil 3: Krankenhausträger und Klinikfinanzierung

Seit der Eröffnung 1910 und während der beiden Weltkriege war der Landkreis Ottweiler alleiniger Träger des Krankenhauses. Die dort tätigen Ärzte und das Funktionspersonal waren beim Kreis angestellt, die Verwaltung erfolgte direkt durch den Kreis. Die amtierenden Landräte waren die obersten Vorgesetzten des Krankenhauspersonals. Investitionen wurden durch allgemeine Mitteln des Kreishaushaltes, medizinische Leistungen im Wesentlichen aus der Krankenversicherung finanziert. 


Nachkriegszeit

In den ersten beiden Jahrzehnten der jungen Bundesrepublik war das Krankenhauswesen reine Ländersache, ohne jegliche Kompetenzen oder Beteiligungen des Bundes. Somit blieb auch die Trägerschaft des Kreiskrankenhauses Ottweiler unverändert beim Kreis. Die medizinischen Leistungen wurden durch Pflegesätze finanziert, die zwischen den Sozialversicherungsträgern und der Klinikverwaltung vereinbart wurden, während Investitionen über den Kreishaushalt und durch Zuschüsse des Landes finanziert wurden. Bereits Mitte der 60er Jahre zeichnete sich ab, dass durch die Pflegesätze die medizinischen Leistungen der Kliniken nicht mehr ausreichend gedeckt werden konnten. Daher führte die Bundesregierung nach einem 1966 erfolgten Beschluss des Deutschen Bundestages eine eingehende Untersuchung des Krankenhauswesens in Deutschland durch, die im Jahre 1969 abgeschlossen wurde. Unmittelbar danach handelte der Gesetzgeber.


1969: Krankenhäuser werden zur öffentlichen Aufgabe

Am 22. Mai 1969 erfolgte eine fundamentale Veränderungen im Krankenhauswesen. An diesem Tag trat eine Änderung des Grundgesetzes in Kraft, mit der die in Artikel 74 aufgeführten Bereiche der konkurrierenden Gesetzgebung zwischen dem Bund und den Ländern erweitert wurden. Nunmehr erstreckte sich die konkurrierende Gesetzgebung auch auf „die wirtschaftliche Sicherung der Krankenhäuser und die Regelung der Krankenhauspflegesätze.“ Die Mitfinanzierungskompetenz des Bundes ergab sich aus Artikel 104a des Grundgesetzes. Mit dieser Grundgesetzänderung wurde das Vorhalten von Krankenhäusern zur öffentlichen Aufgabe.



Bereits 1972 wurde das erste Krankenhausfinanzierungsgesetz zur wirtschaftlichen Sicherung der Krankenhäuser und zur Regelung der Krankenhauspflegesätze erlassen. Die Finanzierung erfolgte über ein duales System: die Investitionskosten wurden aus Steuermitteln bestritten und die Benutzungskosten (medizinische Kosten) wurden über Tagespflegesätze gedeckt. Im Gegensatz zu früher geschah dies jetzt mit Beteiligung des Bundes.


Budgetierung und Änderung der Unternehmensform

Zum 1. Januar 1987 wurde im Krankenhauswesen die Budgetierung eingeführt. Bis zu diesem Zeitpunkt galten die vom Träger jährlich beschlossenen Wirtschaftspläne. Als einem der ersten Häuser im Saarland gelang es damals dem Kreiskrankenhaus Ottweiler, mit den Sozialleistungsträgern ein Budget zu vereinbaren; es betrug 24,7 Mio. DM für das erste Jahr 1987. 


 (Foto: Archiv H. W. Büchel)


Nur wenige Jahre später folgte der Landkreis Neunkirchen dem damals vorherrschenden Trend der Privatisierung im Krankenhauswesen. Auf Beschluss des Kreistages wurde das bisher als Eigenbetrieb geführte Kreiskrankenhaus ab dem 1. Januar 1993 in die neue Rechtsform der „Gemeinnützigen Klinikgesellschaft des Landkreises Neunkirchen mit beschränkter Haftung“ (kurz KLN) übergeleitet. Als Anfangskapital wurde der gesamte Krankenhausbetrieb einschließlich Grund und Boden in die neue gGmbH übertragen. Der Landkreis blieb alleiniger Teilhaber der Gesellschaft und das Haus blieb auch als GmbH Mitglied im Kommunalen Arbeitgeberverband des Saarlandes. Für die Arbeitsverhältnisse der Beschäftigten änderte sich grundsätzlich nichts. Unter dem Vorsitz des Landrates setzte sich der neue Aufsichtsrat aus 8 Vertretern des Landkreises und 5 Vertretern der Arbeitnehmer zusammen. Damit die Versorgungsstruktur des Hauses auf dem Gebiet der Frauenheilkunde und Geburtshilfe abgerundet wurde, beschloss der Kreistag die Übernahme der Kinderklinik Neunkirchen-Kohlhof zum 1. Januar 1994.


Kooperation mit Marienhaus

Angesichts tiefgreifender Veränderungen in der Krankenhauslandschaft ging der Landkreis Neunkirchen sieben Jahre später zum nächsten Schritt über. Im Februar 2001 wurde zwischen der Klinikgesellschaft des Landkreises Neunkirchen und der Marienhaus GmbH eine Kooperationsvertrag unterzeichnet, der die Klinik in Ottweiler mit der Kinderklinik Kohlhof, das St. Josef-Krankenhaus in Neunkirchen und das Marienkrankenhaus in St. Wendel einschloss. Landrat Dr. Hinsberger und der für Marienhaus tätige Rechtsanwalt Molzberger bezeichneten diesen Schritt als „ein Modell zur langfristigen Zukunftssicherung der vier Häuser“.


Einführung der Fallpauschalen im deutschen Gesundheitssystem

In der Zeit des 2. Bundeskabinetts Schröder kam es im Jahre 2003 durch die Einführung von sogenannten Fallpauschalen zu einem fundamentalen Wandel in den Finanzierungsgrundlagen des deutschen Krankenhauswesens, das zu dieser Zeit auf Bundesebene von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt verantwortet wurde. Nach australischem Vorbild wurden bei diesem pauschalisierten Abrechnungsverfahren die Patienten (Krankenhausfälle) anhand bestimmter Daten einer bestimmten Fallgruppe zugeordnet. Diese DRG (Diagnosis Related Groups, zu Deutsch: diagnosebezogene Fallgruppen) lösten die bis dahin geltenden Pflegesätze in der Krankenhausbehandlung ab. In der Folge dieses grundlegenden Wandels kam es zu einem erheblichen Druck insbesondere auf kleinere Häuser, der bis heute anhält. Dabei ist das DRG-System bis heute umstritten geblieben. Insbesondere, weil seit der Einführung der Fallpauschalen der Aufenthalt eines Menschen in einem Krankenhaus von den Gesundheitsökonomen in erster Linie als Kostenfaktor betrachtet wird. Die medizinisch bestmögliche Behandlung der Patienten trat für diese Klinikmanager in den Hintergrund.


Der Trägerwechsel: Verkauf der KLN an die Marienhaus GmbH

Im Jahre 2004 gab der Kooperationspartner Marienhaus GmbH bekannt, dass er die Kinderklinik in Kohlhof und das St. Josef-Krankenhaus in Neunkirchen zusammenlegen und als Verbundklinik am Standort Kohlhof mit einem Investitionsvolumen von rund 27 Mio. Euro (davon 21 Mio. Euro Fördermittel des Landes) neu bauen werde.



Bewegung und Unruhe: Die vergangenen drei Jahrzehnte veränderten die Krankenhauslandschaft grundlegend.

(Fotos: Archiv H. W. Büchel)


Schon ein Jahr später kam es dann zum Trägerwechsel und damit zur endgültigen und diesmal echten Privatisierung. Vorausgegangen war der Beschluss des Kreistages, die KLN zu veräußern. An wen verkauft werde, sollte ein Bieterverfahren klären. Dieses in drei Phasen ablaufende Verfahren begann im März 2005. Es wurden Investoren angesprochen, Objektbesichtigungen vereinbart, verbindliche  Angebote eingeholt und geprüft und schließlich durch den Kreistag eine Lenkungsgruppe eingesetzt. Insgesamt acht Bieter zeigten Interesse an einer Übernahme der KLN, vier davon gaben verbindliche Angebote ab. Am 7. Juli 2005 verdichtete der Lenkungsausschuss des Kreistages das Verfahren auf drei Bieter: 


  • cts – Caritas Trägergesellschaft Saarbrücken GmbH
  • Marienhaus GmbH, Waldbreitbach
  • SHG Kliniken Saarland Heilstätten GmbH

Die Hamburger Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO AG (Binder Dijker Otte) erstellte in Zusammenarbeit mit den Rechtsanwälten Dr. Lauter und Dr. Knorr ein Gutachten, in dem die Angebote dieser drei verbliebenen Bieter in den Kriterien Standorterhalt, Kaufpreis, Investitionen, medizinisches Konzept, Personalkonzept, Gremienbeteiligung und Sonstiges genau geprüft und bewertet wurden. Im Ergebnis wurde ein Kriterium entweder positiv, negativ oder neutral bewertet. Oder aber es wurde als sogenanntes k. o. – Kriterium bewertet. Das Gesamtergebnis war eindeutig und ergab folgende Rangfolge:


  1. SHG (4 von sieben Positivpunkte)
  2. cts (2 von sieben Positivpunkte)
  3. Marienhaus (0 von sieben Positivpunkten)

Auch der Aufsichtsrat der KLN hatte einen Tag vor der entscheidenden Kreistagssitzung den Verkauf an die SHG empfohlen, da diese das beste Angebot abgegeben hatte. Somit hatte der Kreistag eine klare Entscheidungsgrundlage für den Verkauf der KLN. Dass er sich dennoch nicht für die SHG als der besten Bieterin entschied, hat Gründe, die sich auch 15 Jahre später nicht nachvollziehen lassen. Die CDU Fraktion unterstellte der SHG, sie würde den zwischen der KLN und Marienhaus bereits vereinbarten Neubau in Kohlhof nicht umsetzen und unterzog das BDO-Gutachten zudem einer eignen Bewertung, da sie die Berechnungen der BDO in Zweifel zog. Diese eigene Bewertung ergab, dass sie in der Marienhaus GmbH den besten Bieter ansah. Da die CDU seinerzeit mit einer Stimme die Mehrheit im Kreistag stellte, führte das zu dem Beschluss des Kreistages in seiner Sitzung am 6. September 2005, die Klinikgesellschaft des Landkreises Neunkirchen an die Marienhaus GmbH zu veräußern. Woher die CDU-Fraktion die Expertise nahm, das BDO-Gutachten substanziell zu verändern, liegt bis heute im Dunkeln.

Bei der entscheidenden Abstimmung im Kreistag stimmte die CDU Fraktion mit einer Stimme Mehrheit für den Verkauf an Marienhaus, den Fraktionschef Helmut Kraus im Aktuellen Bericht am Abend zu rechtfertigen suchte.


Teil 4: Die Ära Marienhaus

Der Vertrag zwischen dem Landkreis Neunkirchen und der Marienhaus GmbH für den Kauf der KLN wurde am 12. März 2008 im Ottweiler Landratsamt unterschrieben. In der Marienhaus GmbH, die in dieser Form bereits seit dem Jahre 1903 existierte, arbeiteten damals noch Ordensfrauen der Waldbreitbacher Franziskanerinnen aktiv in der Geschäftsführung und in den Gremien des katholischen Sozial- und Gesundheitskonzerns mit.


Mit dem Kauf der Klinikgesellschaft des Landkreises Neunkirchen (KLN) erwarb Marienhaus die beiden Kliniken an den Standorten in Ottweiler und Kohlhof. Schon 2002 hatten die Waldbreitbacher das St. Josef-Krankenhaus in Neunkirchen übernommen, und das Marienkrankenhaus in St. Wendel war ohnehin seit Anbeginn im Besitz von Marienhaus.


Die Marienhaus GmbH hatte beim Kauf der KLN eine „abgestimmte Medizinstrategie“ vorgelegt, die sie im regionalen Krankenhausverbund „Saar-Ost“ an drei Standorten verwirklichen wollte:


  • Kreiskrankenhaus Ottweiler
  • Verbundklinik Kinderklinik Kohlhof/St. Josef-Krankenhaus Neunkirchen
  • Marienkrankenhaus St. Wendel



 Auszüge aus der Präsentation der Marienhaus beim Kauf der Ottweiler Klinik im Jahre 2005 (Foto: Archiv H. W. Büchel)


Durch den Krankenhausverbund wollte die Marienhaus GmbH


  • die vorhandenen Fachabteilungen an den Standorten erhalten,
  • die jeweiligen Stärken ausbauen und damit
  • die Einrichtungen sinnvoll weiterentwickeln.

Der neue Träger setzte bewusst auf Verbund statt Konkurrenz, um eine wohnortnahe Versorgung zu garantieren und Patiententourismus zu verhindern. Am Standort Ottweiler sah die Medizinstrategie die Ausbildung folgender zusätzlicher Schwerpunkte vor:


  • Aufbau eines ambulanten OP-Zentrums; hier sollen alle ambulanten Operationen aus allen Verbundhäusern durchgeführt werden
  • Ausbau der Kardiologie – Installierung eines Linksherzkatheder-Messplatzes und Anschaffung eines Kardio-CT
  • Stärkung der Orthopädie durch konsequente Zuweisung aus allen Verbundhäusern – Anschaffung eines computergestützten OP-Navigationssystems
  • Ausbau der Shunt-Chirurgie – Erhalt der chirurgischen Basisversorgung

Eines der erklärten Ziele der Marienhaus GmbH war es seinerzeit, die „Balance zu halten zwischen Wirtschaftlichkeit und Menschlichkeit – das heißt guter und fairer Umgang mit Patienten, Mitarbeitern und Partnern.“

 

Die Vorhaben von Marienhaus verliefen zunächst alle wie angekündigt. Am Standort Kohlhof wurde die Marienhausklinik St. Josef Neunkirchen-Kohlhof neu gebaut und auch in Ottweiler wurden die angekündigten Maßnahmen verwirklicht. Im Laufe der nächsten zehn Jahre entwickelte sich die Marienhausklinik Ottweiler zu einem leistungsstarken Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung mit stetig wachsendem Zuspruch in den einzelnen Kliniken:


  • Orthopädie und Unfallchirurgie
  • Gefäßchirurgie
  • Innere Medizin
  • Anästhesiologie 

Diese steigende Nachfrage durch Patienten führte dazu, dass bei den Beratungen zum aktuellen Krankenhausplan des Landes für die Jahre 2018 – 2025 die Bettenanzahl von 116 um 36 Betten auf 152 aufgestockt werden sollte. Gleichzeitig wurde die Orthopädische Klinik zum „Zertifizierten Endoprothesen-Zentrum“ ausgebaut. Insbesondere bei der Behandlung von Hüft- und Kniegelenkserkrankungen nahm die Ottweiler Klinik am Ende einen Spitzenplatz im weiteren Umfeld um Ottweiler ein. Das führte auch dazu, dass die Klinik noch bis zu Beginn des Jahres 2020 wirtschaftlich sehr gut aufgestellt war und „schwarze Zahlen“ schrieb.

Marienhaus stellt sich neu auf

Das Jahr 2011 brachte tiefgreifende Veränderungen in der Struktur des Klinikkonzerns Marienhaus. Dem Orden der Waldbreitbacher Franziskanerinnen fehlte es schon seit langem an Nachwuchskräften. Die stets kleiner werdende Gruppe älterer und alter Ordensschwestern zog sich daher aus dem operativen Geschäft zurück. In der Folge überführten sie das nach wie vor in ihrem Besitz gehaltene Vermögen in eine Stiftung. Im Herbst 2011 wurde die mit einem Vorstand und einem Kuratorium ausgestattete „Marienhaus Stiftung“ ins Leben gerufen, die ihren Sitz zunächst in Neuwied hatte. Sie wurde als kirchliche Stiftung des bürgerlichen Rechts errichtet, weshalb das Bischöfliche Generalvikariat des Bistums Trier zur Aufsichtsbehörde der neuen Stiftung wurde. Die seit 1903 bestehende „Marienhaus GmbH“ wurde aufgelöst. Zugleich wurde die „Marienhaus Unternehmens-gruppe“ ins Leben gerufen, die allerdings keine rechtsfähige Gesellschaft wurde. Sie bildete nur den Rahmen für die fünf Sparten des Konzerns:


  1. Marienhaus Kliniken GmbH
  2. Marienhaus Senioreneinrichtungen GmbH
  3. Marienhaus Dienstleistungen GmbH
  4. Marienhaus Bildung und
  5. Marienhaus Hospize.

Zur Integration und Steuerung dieser Sparten innerhalb der Unternehmensgruppe wurde zusätzlich die 


Marienhaus Holding GmbH


als Dachgesellschaft gegründet.


Die Sparten Kliniken, Senioreneinrichtungen und Dienstleistungen wurden jeweils in der Rechtsform einer GmbH errichtet, während die Sparten Bildung und Hospize direkt aus der Holding geführt wurden. 




Aufbau der Marienhaus Stiftung (Grafik: H. W. Büchel)


Während die Person der Generaloberin des Ordens der Waldbreitbacher Franziskanerinnen zu Zeiten der Marienhaus GmbH noch aktive Geschäftsführerin war, findet man sie heute ausschließlich in beratender Funktion im Kuratorium der Marienhaus Stiftung, die ihren Sitz 2018 von Neuwied auf den Waldbreitbacher Klosterberg verlegte. Für die Öffentlichkeit kaum wahrnehmbar arbeiten heute nur noch zwei Ordensfrauen in den Gesellschaften mit. Das eigentliche operative Geschäft wird seit der Strukturreform von weltlichem Personal erledigt. Eine zentrale Rolle in der Führungsebene von Marienhaus spielt dabei Dr. rer. pol. Heinz-Jürgen Scheid, der neben seiner Funktion als Vorstandsvorsitzender der Marienhaus Stiftung gleichzeitig auch Geschäftsführer in der Marienhaus Holding GmbH geworden war.



Mit dem Rückzug des Ordens aus dem operativen Geschäft verschwand keineswegs der Einfluss auf die Geschicke des Konzerns. Denn die Marienhaus Stiftung wurde 2011 Mehrheitsgesellschafterin der Marienhaus Holding GmbH und hielt (2018) 94 Prozent der Anteile. Die nachfolgende Grafik fasst die Organisationsstruktur des Marienhaus-Konzerns nach heutigem Stand zusammen.


Aufbau der Marienhaus Unternehmensgruppe (Grafik: H. W. Büchel)


Die Aufteilung der Kliniksparte in die Regionen Nord und Süd gehörte zu den Maßnahmen, die von der Konzernleitung innerhalb des Programms "Fit for Future" anfangs 2019 zur Restrukturierung von Marienhaus umgesetzt wurde.


Geschäftsführer der Klinik Region Nord wurde Michael Osypka, dem Christoph Wagner als Prokurist zu Seite steht. Die Geschäftsführung der Region Süd wurde Dr. Klaus-Peter Reimund übertragen, dem als Prokurist Dr. Patrick Frey zugeteilt wurde.

Der Generalbevollmächtigte in der Holding

Genau zum Start von "Fit for Future" am 1. Januar 2019 hatte der Marienhauskonzern eine außergewöhnliche Personalie zu vermelden. Ab diesem Tag wurde Dr. Thomas Wolfram als Generalbevollmächtigter der Marienhaus Holding GmbH eingesetzt, dem zugleich die Leitung der Sparte Marienhaus Kliniken GmbH übertragen wurde.



Damit vollzog der Marienhaus-Konzern einen in seiner bisherigen Geschichte einmaligen Schritt, denn er übertrug der Person des Dr. Wolfram sehr umfangreiche Handlungsvollmachten. 


Die Funktion eines Generalbevollmächtigten ist im deutschen Handelsrecht und der damit zusammenhängenden Gesetzgebung nicht vorgesehen. Hier gibt es zwar den Generalhandlungsbevollmächtigten, der jedoch nicht mit einem Generalbevollmächtigten gleichgesetzt werden darf. Klar ist, dass der Generalbevollmächtigte Dr. Wolfram in der Marienhaus Holding GmbH deutlich mehr Befugnisse als ein Prokurist hat, jedoch nicht die gleichen Kompetenzen wie etwa der Holding-Geschäftsführer Dr. Scheid. Was die Spitze des Marienhaus-Konzernes (Stiftung und Holding) letztendlich dazu bewogen hatte, einen Generalbevollmächtigten für (zunächst) zwei Jahre unter Vertrag zu nehmen, erschließt sich - wie so vieles bei Marienhaus - nicht von selbst. Der Konzern betrieb und betreibt auch hier bis heute eine nach außen völlig verschleierte und intransparente Unternehmenspolitik.



Teil 5. Das Ende des Ottweiler Krankenhauses


Zur Jahreswende 2019/2020 wurde es am Klinikstandort Ottweiler unruhig. Kurz vor Weihnachten machten Schließungsgerüchte die Runde. Die Gerüchte konkretisierten sich zu ernsten Befürchtungen und alarmierten die Ottweiler Kommunalpolitik. Der CDU Ortsverband hatte Informationen erhalten, wonach der Träger Marienhaus den Ottweiler Standort schließen werde. In der letzten Sitzung des Jahres 2019 setzte Bürgermeister Holger Schäfer daher das Thema Zukunft des Krankenhausstandortes Ottweiler auf die Tagesordnung des Stadtrates und lud den Geschäftsführer der Klinik und zwei Mitglieder des Direktoriums dazu ein, damit sie gegenüber dem Rat und der Öffentlichkeit für Klarheit sorgen konnten.


Geschäftsführer Dr. Reimund informierte über die Rahmenbedingungen der Krankenhauslandschaft in unserer Region, hob die hohe Qualität der medizinischen Fachabteilungen in der Ottweiler Marienhausklinik hervor und erklärte, dass konkrete Stilllegungspläne für den Standort Ottweiler nicht im Raume stünden. Er kündigte jedoch an, dass ab dem Jahr 2020 die beiden Marienhaus-Kliniken St. Wendel und Ottweiler noch enger zusammenarbeiten und als eine Klinik an zwei Standorten miteinander verzahnt würden.


Perverses Spiel: Corona kommt gerade recht


Schon zu Beginn des Monats Januar waren die Erklärungen der Klinikleitung Makulatur. Während einer Personalversammlung in der Marienhausklinik Ottweiler wurde bekannt, dass in Ottweiler konkrete Vorbereitungen für eine Verlegung der Klinik nach St. Wendel getroffen werden sollen. Zu diesem Zeitpunkt hatte aber nicht mehr der örtliche Geschäftsführer das Heft der Entscheidungen in der Hand, sondern die Konzernleitung hatte die Standortfrage der Marienhauskliniken zur Chefsache gemacht.


Zu dieser Zeit hörte man in Europa von einem bis dahin unbekannten Coronavirus SARS-CoV-2, der im Dezember 2019 erstmals in der chinesischen Millionenstadt Wuhan auftrat und sich im Laufe des Januars zu einer Epidemie in China entwickelte. Danach ging alles sehr schnell. Von China aus breitete sich das Virus sehr rasch über die ganze Welt aus, und schon am 11. März 2020 erklärte die Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization, WHO) die bisherige Epidemie zu einer Corona-Pandemie. In Deutschland setzten für alle spürbare Maßnahmen im Rahmen von Shutdown (Stilllegung) und Lockdown (Ausgangsbeschränkungen) ein. Auf allen Ebenen des Gesundheitswesens wurden Krisenstäbe eingerichtet. Auch bei Marienhaus. Der Klinikkonzern bestimmte den Chef der Kliniksparte und Generalbevollmächtigten der Marienhaus Holding GmbH, Dr. Thomas Wolfram, zum Leiter des Corona-Krisenstabs. Und der handelte umgehend und zielgerichtet.
 
Bei aller gebotenen Sachlichkeit kann man den während der Coronakrise nun einsetzenden Umgang der Marienhaus-Konzernleitung mit der Ottweiler Marienhausklinik nur noch als unanständig, ja sogar als pervers bezeichnen. Die bundesweit einsetzenden Maßnahmen zur Einrichtung von Intensiv-Behandlungs- und beatmungsplätzen für am Coronavirus SARS-Vov-2 Erkrankte nutzte Marienhaus sofort, um das Ottweiler Krankenhaus als sog. „Corona-Klinik“ anzumelden und bereitzustellen. Die Folge: alle bisher arbeitenden Abteilungen mussten ihren Betrieb einstellen, der Zugang zum Haus war nur noch über einen speziell abgesicherten Eingangsbereich möglich.
 
Der eigentliche Schock stand Ottweiler indes noch bevor: Ohne vorherige Information der Mitarbeiter, der Stadtverwaltung oder der Bevölkerung verlagerte Marienhaus am Freitag, dem 27. März 2020 die Abteilungen Orthopädie und Unfallchirurgie sowie die Gefäßchirurgie von Ottweiler nach St. Wendel. Begründung der Konzernspitze: Die Ottweiler Klinik werde zum Corona-Standort umfunktioniert. Den Umzug organisierte der Krisenstab des Landkreises St. Wendel, der dafür 28 Mitarbeiter und 14 Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr und des THW einsetzte. Die betroffenen Abteilungen in Ottweiler mussten hierfür von jetzt auf gleich oder besser Hals über Kopf ihre Sachen packen. Wie schon in den Jahren zuvor setzte Marienhaus auch diesmal auf absolute Intransparenz. Keine Informationen nach innen und nach außen, sondern nur Direktiven von ganz oben, die sofort umgesetzt werden mussten. Diese aus totaltären Systemen bekannte Unternehmenspraxis kann nicht verwundern, denn Klinikspartenchef Dr. Wolfram hatte nach eigenen Worten beobachtet, „dass Marienhaus über viele Jahre hinweg basisdemokratisch geführt“ worden sei. Ein Zustand, der ihm offensichtlich zuwider ist. Auf dem Waldbreitbacher Chefärztekongress im April 2019 hatte er daher den Chefärzten unmissverständlich klargemacht, dass er dies ändern werde.


Am Nachmittag des 26. März teilte man den Beschäftigten in Ottweiler mit, dass ihre Abteilungen am folgenden Morgen nach St. Wendel verlegt werden.

Der Corona-Status des Ottweiler Krankenhauses ist mittlerweile wieder aufgehoben worden. Die nach St. Wendel ausgelagerten Abteilungen kehren jedoch nicht wieder nach Ottweiler zurück, auch wenn aktuell auf der Homepage der Marienhausklinik Ottweiler immer noch zu lesen ist, dass „unsere Abteilung bis auf Weiteres in unser Schwesterkrankenhaus nach St. Wendel umgezogen“ sei.

 

Der Marienhaus-Konzern hat die Coronakrise auf schamlose Weise dazu genutzt, die Marienhausklinik Ottweiler in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach St. Wendel zu verlegen. De facto ist dadurch der Krankenhausstandort Ottweiler Geschichte.


Das Ottweiler Krankenhaus wurde einst aus der Not heraus während einer Typhus-Epidemie geschaffen. Jetzt wurde es ohne Not und zugleich auch ohne jeden Skrupel während einer Corona-Pandemie stillschweigend liquidiert. Keiner der Damen und Herren aus der Konzernleitung, ob Ordensfrau oder Geschäftsführer, ob Prokurist oder Generalbevollmächtigter hat bisher den Weg nach Ottweiler gefunden. Keiner hat den Menschen in Ottweiler gesagt, warum ihr erfolgreiches Krankenhaus geschlossen werden soll.


Dieses Verhalten ist eines christlichen, eines katholischen Krankenhausträgers zutiefst unwürdig.

Alle, die dafür im Marienhaus-Konzern die Verantwortung tragen, sollten sich schämen.


Montage: Hans Werner Büchel · Mai 2020



Nachtrag zur (neuen) Unternehmenskultur bei Marienhaus


Einführungen neuer Chefärzte oder das Verabschieden bisheriger Geschäftsführers werden bei Marienhaus natürlich angemessen gewürdigt. Bis vor ein paar Jahren tat man dies auch mit den sogenannten "einfachen Mitarbeitern", deren Arbeit für Chefärzte oder Geschäftsführer unverzichtbar ist, weil sie den "Laden am Laufen halten." Doch das hat sich gewandelt.


Heute werden die Wechsel von Geschäftsführern und Chefärzten zwar immer noch angemessen gewürdigt, die "einfachen Mitarbeiter" hingegen werden sang- und klanglos in die Rente entlassen. Nach einem kompletten Berufsleben im Krankenhaus: kein Wort des Dankes, kein Wort der Anerkennung. Einfach weg. Das war´s. Diese neue Unternehmenskultur bei Marienhaus erfasst auch die Jubilare, die 25, 40 oder 45 Jahre "dabei sind". Auch hier: Dank und Anerkennung? Fehlanzeige!