Barrierefreier Bahnhof für Ottweiler

 Sachstand: 26. März 2020




Bahn verzögert Ausbau

 

um weitere drei Jahre


 

Es gebe «unerfreuliche Entwicklungen», teilt die Deutsche Bahn am Standort Saarbrücken mit Schreiben von Mitte April 2019 dem Ottweiler Bürgermeister mit. Zwar habe man die erforderlichen Unterlagen der Baumaßnahmen in Kürze dem Eisenbahnbundesamt in Bonn «zur Einleitung des Plangenehmigungsverfahrens» zukommen lassen wollen, doch sei es dazu überraschenderweise nicht gekommen. Als Hauptursache wird angeführt, dass das Eisenbahnbundesamt (Anm.: das ist die zentrale Genehmigungsbehörde für alle Baumaßnahmen der Bahn) nunmehr auf einem Planfeststellungsverfahren besteht, weil sich in der Nachbarschaft des Bahnhofs ein Krankenhaus befindet. So weit, so schlecht.


Im Klartext: Kurz bevor die Signale für den barrierefreien Umbau des Ottweiler Bahnhofs auf Grün geschaltet werden, stehen sie plötzlich wieder auf Rot. Und sie werden in den nächsten Jahren nicht wieder auf Grün zurückgeschaltet. Denn, so die Bahn in Saarbrücken, der Baubeginn verschiebe sich um mindestens drei Jahre. Statt der ursprünglich für 2018 vorgesehenen Fertigstellung wird jetzt das Jahr 2023 ins Auge gefasst. Das alles, weil man plötzlich das Krankenhaus in unmittelbarer Nachbarschaft zum Bahnhof entdeckt hat. Seit 1910 steht das Krankenhaus bereits dort, wo es jetzt steht. Weshalb muss deswegen statt eines Plangenehmigungsverfahren ein Planfeststellungsverfahren erfolgen? Eine nachvollziehbare Erklärung des Eisenbahnbundesamtes hierzu steht noch aus.


Dass Bürgermeister Holger Schäfer vom jüngsten Verhalten der Bahn maßlos enttäuscht ist, hat er den Verantwortlichen der Bahn unmissverständlich mitgeteilt; zugleich informierte er den Ottweiler Stadtrat über die neuesten Entwicklungen. Enttäuscht sind aber auch die betroffenen Menschen, die auf einen barrierefreien Bahnhof angewiesen sind, der ihnen nun weitere drei Jahre vorenthalten wird. Und enttäuscht sind auch die Menschen, die die neue Brücke wegen der fehlenden Barrierefreiheit (sprich fehlenden Aufzüge) nicht benutzen können und deshalb den Umweg über die Saarbrücker Straße nehmen müssen. Hier wäre es „ein feiner Zug der Bahn“, wenn sie während der Wartezeit auf ihre Kosten einen ampelgesteuerten Fußgängerüberweg in der unteren Fürther Straße einrichten würde. An diese Ausgleichsmaßnahme hat der Bürgermeister gegenüber der Bahn jüngst erneut erinnert.


Bleibt festzuhalten: Stadtverwaltung und Bürgermeister der Stadt haben alle Vorarbeiten zum Projekt Barrierefreiheit geleistet und auch der Behindertenbeirat hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Bahn zum sofortigen Handeln zu bewegen. Allein das Eisenbahnbundesamt trägt als Genehmigungsbehörde die alleinige und volle Verantwortung für die neuerliche Verzögerung um drei volle Jahre.

Nachfolgend finden Sie Informationen zum geplanten Ausbau des Bahnhofs.


Auf einer eigenen Seite finden Sie Interessantes zur Geschichte des Ottweiler Bahnhofs.     Hier geht es zur Historie.

Der Istzustand

Zur Veranschaulichung erfolgt hier zunächst ein Überblick über den Zustand der Bahnanlage vor dem Kauf durch die Stadt im Jahre 2012. Die Aufnahmen der nachfolgenden Fotogalerie entstanden im Juli 2010 (Fotograf M. Koblischka); sie zeigen das Empfangsgebäude, die Bahnsteige, die Gleisanlagen und den Bahnhofsvorplatz zu dieser Zeit. 


Der Bahnhof in Ottweiler ist nicht barrierefrei ausgestaltet und kann daher von Menschen mit Behinderungen nur eingeschränkt oder gar nicht genutzt werden. Vor allem der nur durch die Unterführung erreichbare Inselbahnsteig für Fahrten in Richtung St. Wendel-Mainz-Frankfurt ist für Rollstuhlfahrer ohne fremde Hilfe nicht erreichbar. Auch blinde oder stark sehbehinderte Menschen können sich im Ottweiler Bahnhof nur sehr schlecht orientieren.

Was bedeutet barrierefrei genau?

Das Behindertengleichstellungsgesetz nimmt eine sehr umfangreiche Sinndeutung des Begriffs "barrierefrei" vor. Es bietet grundsätzlich einen großen Interpretationsspielraum bei der Frage, durch welche konkreten baulichen Maßnahmen und welche Ausstattung Barrierefreiheit erreicht wird. Die auch von der Bahn zu beachtende Definition wird hier im Wortlaut wiedergegeben:


"Barrierefrei sind bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände, Systeme der Informationsverarbeitung, akustische und visuelle Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen sowie andere gestaltende Lebensbereiche, wenn sie für Menschen mit Behinderungen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe auffindbar, zugänglich und nutzbar sind. Hierbei ist die Nutzung behinderungsbedingt notwendiger Hilfsmittel zulässig." (§ 4 Behindertengleichstellungsgesetz)

Die Deutsche Bahn AG hatte in den letzten Jahren bereits einige Maßnahmen in Richtung Barrierefreiheit umgesetzt. Ausgelöst wurden diese Aktivitäten durch das im Jahr 2002 in Kraft getretene Behindertengleichstellungsgesetz, durch das der Gesetzgeber die Benachteiligungen von Menschen mit Behinderungen beseitigen oder verhindern will. Behinderten Menschen soll grundsätzlich die gleichberechtigte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft gewährleistet und eine selbst bestimmte Lebensführung ermöglichen werden. In Ottweiler sichtbar wurden diese ersten Maßnahmen der Bahn durch das Anbringen einer einheitlichen kontrastreichen Beschilderung mit dunkelblauen Informationstafeln und einer gut lesbaren weißen Schrift, einer optisch-akustisches Fahrgastinformation am Bahnsteig und neuen Fahrkartenautomaten, die auch von behinderten Kunden bedient werden können.



Der Umbau durch die Bahn

Die wichtigsten Elemente des in den kommenden Jahren vorgesehenen Umbaus sind Neubau und Verlängerung der Bahnsteige 1 und 2, wobei eine Hälfte mit einer Bahnsteighöhe von 55 cm und die andere mit 76 cm ausgeführt wird, sowie der Einbau von zwei Personenaufzügen an der von der Stadt Ottweiler im Jahre 2017 neu errichteten  Fußgängerbrücke. An dieser Brücke wird zusätzlich eine Treppe auf den Bahnsteig 2 eingebaut.

Zur Verdeutlichung der örtlichen Lage zeigen die beiden folgenden Luftaufnahmen die Lage des Bahngeländes in Ottweiler (links) und das der Bahn gehörende Gelände, auf dem der Umbau erfolgen wird.


Die nachfolgende Karte gibt einen Überblick über den von der Deutschen Bahn AG in Ottweiler geplanten Umbau zu einem barrierefreien Bahnhof.


Die wichtigsten Maßnahmen dabei sind:


  • Die beiden Bahnsteige 1 und 2 werden je zur Hälfte in Höhen von 55 cm und 76 cm neu gebaut, ausgeglichen durch eine leichte Schräge. Aktuell ist eine Bahnsteilänge von 216 Metern vorgesehen. Der Bodenbelag wird durch Rillen- und Noppenplatten behindertengerecht gestaltet.

  • An der von der Stadt Ottweiler errichteten Fußgängerbrücke werden zwei Personenaufzüge neu gebaut, wodurch der Inselbahnsteig barrierefrei erreicht werden kann.

  • An der Fußgängerbrücke wird nach Norden eine Fußgängertreppe angebaut, mit der der Bahnsteig 2 erreicht werden kann.

  • An den beiden Aufzügen werden Bahnsteigüberdachungen neu gebaut. Das vorhandene Bahnsteigmobiliar wird angepasst.

  • Die Fußgängerunterführung von Gleis 1 zu Gleis 2 wird geschlossen. Zu einem späteren Zeitpunkt wird der vorhandene Hohlraum verfüllt.


Die einzelnen Fotos zeigen aktuelle Aufnahmen des Ottweiler Bahnhofs und Vergleichsbilder der Bahnhöfe Dillingen/Saar (Aufzug und Bodenbelag) und Saarbrücken-Burbach (Bahnsteigtreppe). Insbesondere der erst vor wenigen Jahren umgebaute Haltepunkt der Bahn in Burbach kann als Vergleichsobjekt herangezogen werden, da auch dort der Inselbahnsteig mit einem Aufzug und einer Freitreppe an die über das Bahngelände führende Fußgängertreppe angebunden wurde.

Baumaßnahmen der Stadt Ottweiler

 


Direkt nach dem Kauf des unter Denkmalschutz stehenden Empfangsgebäudes von der Deutschen Bahn begann die Stadt Ottweiler mit der Sanierung und Neugestaltung der mit erworbenen großen Flächen des Park- und Vorplatzes.



Zugleich erarbeitete die städtische Bauverwaltung ein Nutzungskonzept für das Gebäude. Für den von der Bürgerschaft im Jahre 2012 gewählten neuen Bürgermeister Holger Schäfer (CDU) war es das erste Megaprojekt, das er zu stemmen hatte. Um Fördermittel des Bundes und der Europäischer Union zu erhalten, musste eine öffentliche Nutzung des Gebäudes gewährleistet werden. Das gelang durch die geplante Ansiedlung der Tourist-Information, der Stadtbücherei und des örtlichen Polizeipostens im sanierten Bahnhofsgebäude. Als weitere öffentliche Nutzung ist die Unterbringung des Jugendclubs vorgesehen.



Die Sanierungsarbeiten am historischen Bahnhofsgebäude, für die Finanzmittel von rund einer Million Euro bereitgestellt wurden, sind anfangs des Jahres 2020 nahezu abgeschlossen. 



Bereits im Jahre 2017 wurde durch die Stadt Ottweiler die Fußgängerbrücke über das Bahngelände als Ersatz für die alte und marode Betonbrücke mit einem Finanzaufwand von rund 1,2 Millionen Euro neu gebaut. Sie ermöglicht die fußläufige Anbindung des Stadtteils Neumünster an den Bahnhof und die Innenstadt.


Wegen der von der Deutschen Bahn zu verantwortenden Verzögerungen beim Bau der Aufzüge ist die Brücke derzeit leider noch nicht barrierefrei!


Seit dem Frühjahr 2020 präsentiert sich das historische Empfangsgebäude und das Umfeld der Bahnhofsanlage nach Abschluss der Sanierungsmaßnahmen der Stadt Ottweiler in einem sehr ansprechenden, ordentlichen und sauberen Zustand. Neben der Ladestation für E-Autos gibt es jetzt auch eine für E-Bikes an der Stelle des alten Fahrradständers am linken Durchgang zu den Bahnsteigen. 12 Elektrofahrräder können dort gleichzeitig aufgeladen werden. An der anderen Giebelseite des Bahnhofs wurden zwei absperrbare Fahrradboxen aufgestellt, die man mieten kann. Dort ist bei Bedarf noch Platz für weitere, die dort ohne Probleme aufgestellt werden können.



Die beiden nachfolgenden Fotogalerien vermitteln Eindrücke davon:


Anfang 2020:


Oktober 2020: